15 Jahre Serviceagentur "Ganztägig lernen" Hessen

15 Jahre Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen
– Ein persönlicher Rückblick
Von Michael Schmitt

Erste Schritte
Zu Beginn meiner Zeit in der Serviceagentur hing im Flur neben den Büros ein Schild mit einem Spruch, dem ich in den nächsten Jahren immer wieder begegnen sollte: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ Er war damals eine Art Leitgedanke, der die Arbeit der Serviceagentur rahmte. Es verging kein Monat, kein Jahr, an dem er nicht auf Kongressen, Fortbildungen oder Netzwerktreffen zitiert wurde. In letzter Zeit habe ich ihn nicht mehr so oft gehört. Und mir scheint das liegt daran, dass die grundsätzliche Aussage inzwischen Allgemeingut ist und von der Idee dahinter nur noch wenige überzeugt werden müssen. Wenn heute von Schulen mit Ganztagsangeboten oder Ganztagsschulen gesprochen wird, wird interessiert aufgehorcht. Vor 15 Jahren sah die Welt noch anders aus.

Als im Jahr 2002 die Kooperationsstelle für ganztägig arbeitende Schulen vom Hessischen Kultusministerium geschaffen wurde und zwei abgeordnete Lehrerinnen ein Unterstützungsangebot aufbauten, gab es in Hessen 138 ganztägig arbeitende Schulen. 15 Jahre später, mit dem Schuljahr 2019/20, werden es über 1200 sein. In der Zwischenzeit ist viel geschehen.

Der Anfang der Serviceagenturen
Ein Jahr nach der kleinen hessischen Initiative zog die Bundesregierung im großen Maßstab nach. Mit dem Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung stellte man vier Milliarden Euro für den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen zur Verfügung. Schulen wurden baulich erweitert, Mensen für die Mittagsverpflegung der Schülerinnen und Schüler deutschlandweit errichtet und, für die Qualitätsentwicklung entscheidend, die Einrichtung der Serviceagenturen in den Ländern gefördert. Aus der hessischen Kooperationsstelle wurde die Serviceagentur „Ganztägig lernen“, aus zwei Lehrkräften wurde ein multiprofessionelles Team. Und so entstand, was unsere Arbeit bis heute prägt und besonders macht, ein Team, das sich zusammensetzt aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit vielfältigen professionellen Biografien und individuellen Zugängen zum Thema Ganztag. Ganz so, wie die (Ganztags-)Teams an den Schulen.

Das Arbeitsfeld der Serviceagentur wurde über die nächsten Jahre immer größer. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung im Programm „Ganztägig lernen“ gelang es durch neue Veranstaltungsformate, länderübergreifende Schulnetzwerke und bundesweite Kongresse das Thema Ganztagsschule aus der Nische zu holen, es wurde gleichzeitig in vielen Bundesländern zu einem der wichtigsten schulpolitischen Programme des letzten Jahrzehnts. Das Programmdach „Ganztägig lernen“ bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und die 15 Serviceagenturen in den Ländern wurden zur Anlaufstelle für Schulen, die ihr Ganztagsangebot entwickeln wollten. Doch eine Schule kann ein solches Projekt nicht allein umsetzen. Kooperationspartner, Verbände, Schulträger, Schulverwaltung und Ministerien, alle müssen mit ins Boot, denn die Zusammenarbeit auf allen Ebenen in Steuergruppen, Netzwerken oder durch Fortbildung und Beratung ist für eine gelingende Entwicklung von Ganztagsschulen, die sich als Teil eines kommunalen Bildungsraums verstehen, notwendige Voraussetzung. Die Serviceagentur wurde immer mehr zur Schnittstelle, die Informationen bündelt, aufbereitet und zur Verfügung stellt. Heute ist Transparenz und Kommunikation (bei der derzeitigen Geschwindigkeit des Ausbaus) wichtiger denn je.

Qualitätsrahmen
Im Jahr 2010 kam ich zur SAG - das Jahr, in dem in Hessen ein Instrument entwickelt wurde, das für die konzeptionelle Arbeit an den Schulen von großer Bedeutung werden würde: der Qualitätsrahmen für ganztägig arbeitende Schulen (als Teil der ebenfalls neuen und wegweisenden Richtlinie für ganztägig arbeitende Schulen). Bundesweit einer der ersten seiner Art, ermöglichte der Qualitätsrahmen den Schulen nun die Entwicklung des Ganztagsangebots gezielter anzugehen. Acht Qualitätsbereiche für die drei Profile im Ganztag mit einzelnen Kriterien boten eine Antwort auf die Frage: „Was ist eine gute Ganztagsschule?“ An den Schulen wurden nun Ganztagskonzepte ausgearbeitet, orientiert an den Kriterien des Qualitätsrahmens, und es entstand die Möglichkeit, innerhalb der Qualitätsbereiche eigene Schwerpunkte zu setzen. Die Serviceagentur begleitete die Einführung des Qualitätsrahmens mit einer hessenweiten Fortbildungsreihe. Von da an richteten sich auch unsere Angebote an den Qualitätsbereichen aus – der Ganztag wurde so für viele, auch für uns, spezifischer und konkreter.

Das Ende von „Ganztägig lernen“ und ein neuer Anfang
Das Jahr 2015 wurde zu einer weiteren Wegmarke der Serviceagentur. Das Programm „Ganztägig lernen“ lief aus. Die in den letzten Jahren so wichtige bundesweite Zusammenarbeit der Serviceagenturen wäre damit beendet. Das immer praktizierte „Voneinander lernen“ war für die Unterstützungsebene genauso wichtig, wie für die Schulen. Die Deutsche Kinder und Jugendstiftung fand eine Lösung und setzte die bewährte Zusammenarbeit der Länder ohne das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Programm "Ideen für mehr! Ganztägig bilden" fort.

Durch länderübergreifende Schulnetzwerke, Beratungsforen und Fortbildungsangebote für Multiplikatoren sowie das Netzwerk der Serviceagenturen konnte weiterhin den Blick über den Tellerrand ermöglicht werden. Ein wichtiger Schritt. Es wäre ein großes Vorhaben zusammenzufassen, wie viele Methoden und Fortbildungskonzepte der Serviceagentur in Hessen durch die Anregung aus dem bundesweiten Netzwerk entstanden sind. Ganz zu schweigen von den Impulsen der länderübergreifenden Schulnetzwerke und der großen Bundeskongresse.

Weil es dem Hessischen Kultusministerium wichtig war das multiprofessionelle Team in der Serviceagentur zu erhalten, ermöglichte es damals die Weiterarbeit auch ohne Förderung des BMBF. So arbeiten heute in Frankfurt und Kassel weiterhin Mitarbeiterinnen (und ein Mitarbeiter) mit unterschiedlichsten Ausbildungen und Biografien, die ihre Vorerfahrungen und ihr Wissen in die Arbeit der Serviceagentur einbringen.

Pakt für den Nachmittag
Ein weiterer Meilenstein aus dem Jahr 2015 war die Einführung des Pakts für den Nachmittag. Das Kooperationsprogramm von Land und Schulträgern wurde zum ersten richtigen Grundschulprofil in Hessen, das den Anspruch an die Vereinbarkeit von Familie und Beruf formuliert und das eine flächendeckende, konzeptionelle Zusammenführung von Bildungs- und Betreuungsangeboten anstrebt. Auch hier entstanden neue Schwerpunkte, neue Fragen und natürlich der Bedarf nach Beratung und Fortbildung. Der Ausbau im Pakt weist zudem auf eine Entwicklung hin, die in den nächsten Jahren von großer Bedeutung sein wird. Ob es einen bundesweiten Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz an Grundschulen geben wird, ist gegenwärtig Gegenstand einer Arbeitsgruppe zwischen Bund und Ländern. Unabhängig vom Ausgang dieser Gespräche lässt sich aber an der Entwicklung der letzten Jahre durchaus ablesen, dass der Bedarf an verlässlichen Bildungs- und Betreuungsangeboten im Ganztag, vor allem an Grundschulen, noch ansteigen wird. Viele der Schulen, die dann in den Ganztag gehen, werden ohne Vorerfahrungen in diesem Bereich sein. Für die Serviceagentur bedeutet das zweierlei: Unterstützung zu bieten für die, die sich orientieren müssen und gleichzeitig den vielen Schulen ein Angebot zu machen, die sich inhaltlich weiterentwickeln wollen. Der quantitative Ausbau schreitet voran, der qualitative Ausbau wird Schulen, Schulverwaltung, Schulträger, Kooperationspartner und natürlich die Anbieter von Fortbildungen noch viele Jahre beschäftigen.

Zum Abschluss - Dichtung und Wahrheit
Vor einem Jahr schickte mir ein Freund ein Foto eines Wahlplakats einer kommunalen Partei die forderte: „Gegen weitere Ganztagesschulen! Die Ganztagesschule nach nordkoreanischem Vorbild raubt den Kindern ihre unbeschwerte Kindheit“. Der unerwartete Anachronismus und der absurde Vergleich ließen mich schmunzeln. Gleichzeitig war ich verärgert, denn der Verfasser dieser Zeilen hatte sicher niemals eine der vielen Schulen besucht, an denen Lehrkräfte und das Personal der Kooperationspartner täglich ein Angebot für ihre Schülerinnen und Schüler stemmen, das Bildungs-, Sport-, Freizeit-, Kreativ- und Betreuungsangebote vereint und die darüber hinaus Fortbildungen besuchen, sich austauschen, hospitieren und ihre Konzepte immer weiterentwickeln. Es freut meine Kolleginnen und mich, dass wir als Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen seit 15 Jahren mit diesen engagierten Menschen zusammenarbeiten dürfen und so unseren Teil dazu beitragen, Ganztagsschulen weiterzuentwickeln und ganz nebenbei so manches Ressentiment Lügen strafen.