Schule gemeinsam gestalten

Gute Ganztagsschule kann nur funktionieren, wenn die ganze Schulgemeinde an der Gestaltung des Schullebens beteiligt wird. Der Qualitätsbereich Partizipation von Schülern und Eltern betont die Etablierung von nachhaltigen Strukturen, in denen sich die Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern bei der Entwicklung der Ganztagsschule engagieren können. Teaserbild

Ein Bericht von Christine Küch

Die Liebfrauenschule in Frankfurt ist eine ganztägig arbeitende Grundschule im Profil 2 mit musikalischem Schwerpunkt und bilingualer Klasse (Spanisch-Deutsch).

Bei der Umsetzung des ganztägigen Bildungsangebots arbeiten Schulleitung, Lehrkräfte und Pädagogische Fachkräfte der Erweiterten Schulischen Betreuung und anderer Kinderbetreuungseinrichtungen im Stadtteil eng und vernetzt zusammen. Gleichzeitig legt die Liebfrauenschule einen besonderen Schwerpunkt auf die Elternarbeit, denn die Mitwirkung der Eltern an der schulischen Entwicklung ist ausdrücklich erwünscht. „Nur durch das Miteinander von Eltern, Schule und den Betreuungseinrichtungen ist ein ganzheitlicher Blick auf das Kind und damit auch ganzheitliches Lernen möglich“, betont die Schulleiterin Helen Kellermann-Galle.

Für die Eltern der zukünftigen Erstklässler startet bereits im Jahr vor Schulbeginn das Projekt „Mein Kind kommt in die Liebfrauenschule – Wie unterstütze ich mein Kind, damit es einen guten Schulstart hat“. Die Veranstaltungsreihe wird gemeinsam mit den vorschulischen Einrichtungen und den Kooperationspartnern durchgeführt. Sie beinhaltet einen einführenden Elternabend, eine Informationsveranstaltung zum Schulprofil mit Schulrundgang, einen Kennenlerntag sowie ein mehrtägiges Musikprojekt für Eltern und Kinder und schließlich am Abend vor der Einschulung den ersten Klassenelternabend, an dem die Eltern gemeinsam mit der zukünftigen Lehrkraft ihrer Kinder das Klassenzimmer gestalten. Auf diese Weise werden die Familien Schritt für Schritt auf den Übergang von der Kita zur Grundschule vorbereitet und lernen das schulische Umfeld bereits vor dem Schulstart kennen.

Alle Eltern beteiligen

Da die Liebfrauenschule eine sehr heterogene und multikulturelle Schülerschaft hat, möchte das Kollegium aber auch diejenigen Eltern besonders ansprechen, die sich sonst – sei es aus sprachlichen oder anderen Gründen - am schulischen Leben eher weniger beteiligen. Rund fünfzehn bis zwanzig Familien werden dabei jedes Jahr ebenfalls bereits vor dem Schulbeginn ihrer Kinder eingeladen, sich regelmäßig mit zwei Lehrkräften der Liebfrauenschule zu treffen. Bei der Arbeit an Stationen und bei kleineren gemeinsamen Ausflügen, zum Beispiel in eine Bücherei im Stadtteil, erfahren die Eltern, wie sie ihre Kinder zukünftig in der Schule unterstützen und wie sie sich selbst am Schulleben beteiligen können. Bei allen Treffen organisiert die Liebfrauenschule eine Kinderbetreuung, um auch Müttern mit kleinen Kindern die Teilnahme zu ermöglichen. Einige Wochen nach der Einschulung endet das Elternprojekt mit einer Abschlussveranstaltung, bei der die Eltern über die ersten schulischen Erfahrungen ihrer Kinder berichten, weitere Fragen stellen und sich austauschen können. Das Elternprojekt wird derzeit von der Polytechnischen Gesellschaft Frankfurt wissenschaftlich begleitet und dahingehend evaluiert, ob es die Hemmschwelle, sich mit dem schulischen Umfeld der Kinder auseinanderzusetzen, sich zu informieren und einzubringen, senken kann.

Hat der Schulalltag an der Liebfrauenschule für die Kinder begonnen, gibt es für die Eltern die Möglichkeit, sich aktiv mit ihren Ideen an der Schule einzubringen. Auch bei der Ganztagsschulentwicklung bezieht die Schulleitung die Wünsche der Eltern mit ein, so zum Beispiel bei der Einführung der Lernzeiten im Schuljahr 2012/13. Von der Elternschaft ausdrücklich unterstützt, hat sich die Schule damals auf den Weg gemacht, die Hausaufgaben durch fest im Stundenplan integrierte Lernzeiten zu ersetzen und eine an den Bedürfnissen der Kinder orientierte Tagesstruktur zu etablieren. Flankiert von verschiedenen Informationsveranstaltungen und Elternabfragen verlief die Einführung der Lernzeiten an der Liebfrauenschule reibungsloser als an manch anderer Schule, auch weil die Bedenken und Wünsche der Eltern ernst genommen wurden.

Abschließend zu erwähnen ist ein monatlicher Jour fixe mit der Schulleitung: An jedem dritten Mittwoch im Monat lädt Frau Kellermann-Galle interessierte Eltern zum gemeinsamen Austausch ein. Wer Fragen, Wünsche oder Anregungen hat, kann sich zu diesem Termin im Büro der Schulleiterin einfinden.

Mit ihrer besonders vielfältigen und engagierten Elternarbeit und dem Bemühen, möglichst viele Eltern im Schulleben miteinzubinden, ist die Liebfrauenschule ein gutes Beispiel für gelungene Elternpartizipation.

Präsentation Projektwoche

Präsentation Projektwoche

Kinder mit einbeziehen

Neben der Beteiligung der Eltern ist es wichtig, die Erwartungen und Ideen der Kinder zu berücksichtigen, denn um sie geht es schließlich in der Schule. Wenn Kinder bereits früh erleben, dass ihre Meinung wertgeschätzt wird und sie in Entscheidungen eingebunden werden, wirkt sich dies positiv auf ihr gesamtes Leben aus und kann ihr Selbstvertrauen stärken. Bereits in der Grundschule sollen Kinder in vielen Bereichen beteiligt werden. Doch wie kann das gelingen?

An der Liebfrauenschule erleben die Schülerinnen und Schüler von Anfang an, was demokratisches Handeln bedeutet. Rituale wie der tägliche Morgenkreis strukturieren zum einen den Tag, tragen aber auch dazu bei, dass sich der/die einzelne Schülerin als Teil der Gruppe erlebt und Verantwortung übernimmt. Auch im Unterricht erleben die Kinder täglich, dass ihre Meinung gefragt ist. Nicht nur in den Lernzeiten haben sie die Möglichkeit, ihren eigenen Lernprozess durch die Auswahl von Material und inhaltlichen Schwerpunkten selbst zu bestimmen.

Einmal wöchentlich findet in jeder Klasse der Klassenrat statt. Hier lernen die Kinder, Themen, die für sie wichtig sind, zu besprechen, Konflikte zu lösen und sich über Aktivitäten wie Ausflüge und Projekte zu beraten. Mindestens sechsmal im Jahr tagt unter Leitung von zwei Lehrkräften der Schülerrat, der sich aus jeweils zwei Vertreter/-innen pro Klasse zusammensetzt. Die Schüler und Schülerinnen werden hier über wichtige Themen informiert, können eigene Ideen zur Schulentwicklung einbringen und über Probleme und Anliegen aus ihren Klassen berichten.

Analog zum Jour fixe mit den Eltern bietet Schulleiterin Helen Kellermann-Galle auch den Kindern einen festen Termin im Monat an, an dem sie sich zu einem Gespräch in ihrem Büro anmelden und über Themen, die ihnen am Herzen liegen, sprechen können.

Weitere Informationen:

Liebfrauenschule

Workshop 3: Eltern am Schulleben beteiligen auf dem Landeskongresses 2016 der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen am 06.10.2016

Autorin: Christine Küch, Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen

Aus: „Leben und Lernen an Ganztagsschulen gestalten – Eine Handreichung für zukünftige Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen“, Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen (Hrsg.),
2. überarbeitete Auflage, Februar 2016

Foto: Liebfrauenschule
Datum: 05.09.2016

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