Als lernende Schule Ganztag gestalten

Schule Luftbild

Das Goethe-Gymnasium in Bensheim möchte nicht nur seinen Schülerinnen und Schülern motivierende Lernbedingungen bieten, sondern auch als Institution dazulernen. Die Ganztagsschule im Profil 1 schätzt Netzwerkarbeit und hat viele Aspekte ihres Schullebens beständig weiterentwickelt, um die für sie beste Lösung zu finden.

Ein Bericht von Katharina Brückner

Eigenständiges Lernen der Schülerinnen und Schüler zu fördern, ist das einzige Entwicklungsziel im aktuellen Schulprogramm. Schnell stand fest, dass die Schule Lernzeiten einführen möchte, um diesem Ziel näher zu kommen. „Viele Kollegen sind genervt vom organisatorischen Aufwand rund um die Hausaufgaben und deren Kontrolle“, ergänzt Nicole Guthier, Ganztagsschulkoordinatorin und Mitglied der Schulleitungsassistenz. Eineinhalb Jahre lang arbeitete ein Team der Schule – bestehend aus den Lehrkräften der Lernzeitklassen, der Schulleitung und der Ganztagskoordinatorin – an dem Vorhaben und experimentierte mit der ursprünglichen Idee, die immer wieder angepasst wurde.

Das Projekt Lernzeitklassen startete im Schuljahr 2012/2013 mit einer 5. Klasse unter dem Motto „Einfach mal versuchen“. Das Team hatte sich auf dem Papier ein stimmiges Konzept überlegt, aber jetzt musste es unerschrocken ausprobieren und mit Fehlern rechnen. Am Anfang gab es montags bis donnerstags eine „Mittelstunde“ Lernzeit, als Ausgleich dafür an zwei Nachmittagen je eine Doppelstunde Hauptfachunterricht. Die Kinder bearbeiteten die Aufgaben in ihrem eigenen Tempo und dokumentierten den Prozess in ihrem Schulplaner. Die Bilanz nach einem Halbjahr: Gut ein Drittel der Kinder nutzte geschickte Verzögerungsstrategien, der Lärmpegel stieg, die Konzentration nahm ab und viele Lehrkräfte fühlten sich wie ein Dompteur im Zirkuszelt.

Es werde Licht

Es werde Licht

Im Netzwerk von anderen Schulen lernen

Anstatt das Experiment für gescheitert zu erklären, entschied sich die Schule nachzusteuern. Da kam die Ausschreibung des bundesweiten Netzwerks im Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“ gerade recht. Das Goethe-Gymnasium hatte als Europaschule bereits gute Erfahrungen mit Netzwerkarbeit gesammelt. Nun bot sich die Gelegenheit, länder- und schulformübergreifend von neun anderen Schulen zu lernen. „Die Arbeit im Netzwerk hat uns beflügelt und war enorm lehrreich“, berichtet Guthier. „Wir haben gelernt, Schwächen in den Mittelpunkt zu stellen und offen damit umzugehen. Das war sehr befreiend.“

Die Hospitation an einer bayerischen Schule brachte eine neue Idee: Die Lernzeitklasse sollte in Zukunft auf zwei Räume bzw. Flure aufgeteilt werden. Dadurch arbeiteten die Schülerinnen und Schüler etwas leiser und konzentrierter, aber die anderen Probleme verschwanden nicht. Stattdessen kamen durch die ungleiche Betreuung neue Probleme hinzu.

Noch einmal organisierten die Lehrkräfte die Lernzeit neu und fanden so das für ihre Schule passende Konzept. Ab dem Schuljahr 2013/14 verstärkten sie die Hauptfächer um eine Stunde und integrierten die Lernzeiten als „Lernzeitinseln“ individuell und flexibel in den Unterricht. Die zusätzlichen Stunden glichen sie durch Unterricht am Nachmittag aus, was unter anderem durch größere Oberstufenkurse möglich ist. Dadurch reduzierten sich endlich auch die Verzögerungstaktiken der Schülerinnen und Schüler. Mit diesem Erfolg sind die Lehrkräfte allerdings noch nicht zufrieden und überlegen bereits, was sie im kommenden Schuljahr verbessern könnten. Als nächstes möchten sie die Kommunikation mit den Eltern, das Zeitmanagement und die Differenzierung optimieren.

Verschiedene Bausteine verzahnen

Die Lernzeitklassen sind Teil eines umfangreichen Förderkonzepts mit verschiedenen Bausteinen, die alle dem Ziel dienen, das selbstorganisierte Lernen zu unterstützen. Eine weitere Maßnahme sind Intensivierungskurse mit maximal fünf Lernenden, die von Oberstufenschülerinnen und -schülern als Lerncoaches begleitet werden. Die Lerncoaches erhalten eine Ausbildung, die aus einem Basismodul und mehreren Fachmodulen besteht, und werden für ihre Arbeit bezahlt. Eine individuelle Förderabsprache mit jedem Kursteilnehmenden legt den Grundstein und hilft bei der Kommunikation. Eine Hauptfachlehrkraft bildet die Coaches aus und stellt Material zur Verfügung. Außerdem verpflichtet sie sich, allen Schülerinnen und Schülern der Schule einmal pro Woche in einer „Frag den Lehrer“-Stunde für Nachfragen zur Verfügung zu stehen.

Für unausgelastete Schülerinnen und Schüler bietet das Gymnasium „Goethe-Genial“ an. Es umfasst zusätzliche AGs, „Pull-out“-Angebote und verschiedene Kooperationen mit externen Partnern. Interessierte können durch ein „Pull-out“-Angebot zum Beispiel für einige Stunden vom Unterricht freigestellt werden, um an einer Hochschule zu forschen.

Schülerinnen und Schüler

Komplexität handhabbar machen

Ein umfassendes Förderkonzept, rund 40 AGs im Ganztag, ca. 1.200 Schülerinnen und Schülern und 110 Lehrkräften – all das macht die Organisation am Goethe-Gymnasium sehr komplex. Da die neuen Fünftklässlerinnen und Fünftklässler außerdem wählen können, mit welcher Fremdsprache sie beginnen (Englisch oder Französisch) und ob sie eine Lernzeitklasse besuchen möchten, ist die Klassenbildung kompliziert. Um die Strukturen zu entlasten, hat die Schule bewusst beschlossen, nicht zu G9 zurückzukehren oder eine Parallelstruktur anzubieten. Die Entscheidung fiel nicht leicht, denn die Konkurrenz in Bensheim ist sehr stark und das Goethe-Gymnasium das einzige Gymnasium in der Region, das bei G8 geblieben ist. Aber die Schulleitung ist optimistisch, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, denn sie ist davon überzeugt, dass durch die individuelle Förderung keinen Jugendlichen zurückfällt.

Auf dem Weg hin zu G8 hatten die Lehrkräfte sehr viel Zeit und Energie in die Unterrichts- und Schulentwicklung investiert und unter anderem die Lehrpläne angepasst. Dieser Aufwand macht sich jetzt bezahlt und wäre bei einem Kurswechsel umsonst gewesen. Die klare Linie erleichtert die Organisation an der Schule und gibt Raum, sich mit anderen Entwicklungszielen zu beschäftigen.

Streitthema Schulkiosk

Der Lernprozess der Schule geht über das Förderkonzept und Grundsatzentscheidungen hinaus. Er erstreckt sich auch auf kleinere Bereiche des Ganztags. Ein gutes Beispiel ist der Schulkiosk. Mehr als drei Jahre war er Thema auf jeder Schulkonferenz und die Schulgemeinschaft rang lange um eine tragbare Lösung für den Konflikt. Für die selbständige Pächterin des Kiosks musste sich ihre Arbeit wirtschaftlich lohnen, weshalb sie nicht immer die Grundsätze der gesunden Ernährung berücksichtigen konnte. Als der Förderverein den Kiosk übernahm, stellte er eine Mitarbeiterin fest ein, die dadurch weitgehend vom wirtschaftlichen Druck befreit ist. Zusätzlich helfen Ehrenamtliche an der Theke aus. Im Kiosk finden die Jugendlichen jetzt ein begrenztes und gesünderes Sortiment mit moderaten Preisen. Trotz allem macht der Kiosk weiterhin Gewinn und die neu eingebaute Küche ist nach einem Jahr schon fast abbezahlt.

Nicht ohne die Schulleitung und das Kollegium

Trotz guter Ideen und engagierter Netzwerkarbeit gelingt die Ganztagsschulentwicklung am Goethe-Gymnasium nicht immer reibungslos. Einige Kolleginnen und Kollegen fragten sich, warum die Schule in vorauseilendem Gehorsam der Gesellschaft und Wirtschaft etwas liefern soll, wofür eigentlich die Eltern zuständig sind. Um alle Meinungen zu berücksichtigen und Bedenken ernst zu nehmen, staffelt die Schule ihre Vorhaben zeitlich und zwingt niemanden mitzumachen. Stattdessen appelliert sie an das soziale Gewissen: Die größte Motivation auf dem Weg zur guten Ganztagsschule ist die Chancengleichheit für alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer Herkunft. Der Direktor Jürgen Mescher ist außerdem überzeugt: „Ohne die Schulleitung geht es nicht.“ Sie muss als erstes vom Ganztag überzeugt sein.

Die Schulleitung ist sich sicher, dass Schulentwicklung von multiprofessionellen Teams profitiert. Deshalb hat sie eine halbe Lehrerstelle ihrer Ganztagsressource mit einer Sozialpädagogin besetzt, die durchgehend von 12 bis 16 Uhr in einem eigenen Büro erreichbar ist. Außerdem kommen mehrmals pro Woche Schulpsychologinnen und -psychologen an die Schule und bieten eine Beratung in der Schule (BiS) an. Dort geht es selten um Lernprobleme – dafür gibt es eine gesonderte Lernberatung – sondern meistens um die üblichen Herausforderungen des Erwachsenwerdens.

Egal ob Lernzeiten oder Schulkiosk, das Goethe-Gymnasium zeigt, dass Schulentwicklung Zeit braucht und die erste Idee nicht immer gleich den gewünschten Erfolg bringt. „Manchmal müssen wir mehr Geduld und Wohlwollen uns selbst gegenüber haben. Wir müssen auf die 80% Erfolg schauen und nicht nur auf die 20%, die noch nicht optimal laufen“, so das Fazit von Nicole Guthier. Die Schule will sich weiter entwickeln, von den Erfahrungen anderer profitieren und selbst als Lernort für Hospitationen bereit stehen. Das entspricht ihrem Selbstverständnis von Schule als lernender Institution.

Autorin: Katharina Brückner, Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen
Fotos: Goethe-Gymnasium Bensheim
Datum: 24.07.2015
© www.hessen.ganztaegig-lernen.de

Weitere Informationen:

www.goethe-bensheim.de