Gegen Rechtsextremismus! Eine Schülervertretung setzt ein Thema

Ein Bericht von Birgitta M. Schulte

„Hatten wir jemals eine so aktive Schülervertretung?“ fragt Uschi Schell, Leiterin des Fachbereichs II am Schuldorf Bergstraße ihre Kolleginnen und Kollegen. Vor sechs Jahren ist eine Schülersprecherin aufgefallen. "Aber jetzt sind es so viele", beharrt Uschi Schell. Das Schulsprecherteam und 15 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe nehmen am 17.12.2010 stellvertretend den Applaus für eine Veranstaltungsreihe zum Thema "Rechtsextremismus" entgegen. Sie wurde von der SV initiiert und von der Jugendförderung und dem Jugendparlament Seeheim-Jugenheim mitgetragen.
"Rechtsweg? – Ausgeschlossen!" haben sie damit deutlich zu verstehen gegeben.

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Begonnen hatte die Reihe mit der Eröffnung einer Ausstellung der "Agentur für soziale Perspektiven e.V.". "Versteckspiel" hieß sie und handelte vom Lifestyle, von den Symbolen und Codes neonazistischer und extrem rechter Gruppen. Die tragen heute nicht mehr Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln. Sie orientieren sich radikal am Zeitgeist. Und sie kopieren Formen der linksradikalen Autonomen bis zum Palästinensertuch und Che Guevara T-Shirt. AN – Autonome Nationalisten nennen sie sich denn auch.

Was in der Ausstellung zu sehen war, war ohne Erklärung nicht so einfach zu verstehen. Es brauchte Leute, die in ihrer Freistunde hindurch führten. Dazu hatten sich die Fünfzehn aus der Oberstufe bereit erklärt. Lehrerinnen und Lehrer nahmen das gern an und meldeten ihre Klassen. 700 Schülerinnen und Schüler wurden geführt.

Die SV hatte Unterrichtsinhalte gesetzt. Dabei war das selbstgewählte Thema gerade deshalb attraktiv, weil es um etwas anderes als die im Unterricht obligatorische Nazizeit ging. "Rassismus – dagegen sollte man Aktionen starten", fand Annalena Lohaus. Sie hat sich deshalb zur Begleitung der Ausstellung bereit erklärt. Andere fanden, dass sie als Jüngere den Jüngeren besser als die Lehrkräfte die Inhalte erklären können. Andere engagierten sich, "weil wir kleine Geschwister haben."
"Ja, es waren die Kleinen, die mich dazu gebracht haben", sagt Schulsprecher Sven-David Pfau. "Die meinen, Neonazis gäbe es doch gar nicht mehr. Man hat Verantwortung!". So wurde im Mai die Idee geboren. "Wir wollten uns zuerst nur an die Eltern richten, haben aber schnell gemerkt, das Thema ist auch interessant für Schülerinnen und Schüler und für die Gemeinde."

Es knüpfte ja an die Informationsveranstaltung "Wölfe im Schafspelz" vom November 2009 an, in der es um die Kleidung der Rechten ging. Diese Gemeindeveranstaltung hatte damals in einer gemeinsamen Resolution der Bürgermeister der vier Kommunen Seeheim-Jugenheim, Alsbach, Bickenbach und Zwingenberg gemündet. Im vorausgegangenen Wahlkampf hatte die NPD versucht, Kundgebungen zu machen. Es wurden "Ausländer raus" Aufkleber verteilt. Es war sogar mehrfach versucht worden, eine lose strukturierte Gruppe auf lokaler Ebene zu rekrutieren. Manfred Forell vom Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit im Kreis Bergstraße wusste um diese "Kameradschaften". Deshalb hatten sich die vier Bürgermeister zusammengetan. Deshalb gab es auch ein offenes Ohr, als die Schulsprecher Simon Kraft und Sven-David Pfau auf dem Sozialamt auftauchten. "Geht doch mal zum Matthias Itzel!" wurde ihnen empfohlen. Mit dem Sozialpädagogen vom kommunalen Jugendtreff ganz in der Nähe ihrer Schule entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit.

Matthias Itzel stellte den Kontakt zur Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung her, er erklärte wie man Öffentlichkeitsarbeit macht, er übernahm die Schulung der Ausstellungsbegleiterinnen und -begleiter. Zu Manfred Forell vom Beratungsnetzwerk gingen die beiden Schulsprecher allein. "Sie waren voller Tatendrang, etwas mit uns gemeinsam zu tun, etwas wirklich Sinnvolles, mehr als nur Partys, etwas, was positive Werte vermittelt. Da herrscht wohl eine offene Atmosphäre im Schuldorf, die so etwas fördert", sagt Manfred Forell.

"Zuerst war es nur eine SV-Aktion", sagt Simon Kraft. "Nachdem ich den Vortrag von Joachim Gauck in Darmstadt gehört hatte, wurde es zur Herzensangelegenheit." Joachim Gauck hatte von dem Moment erzählt, an dem er zum ersten Mal an einer freien Wahl teilnehmen durfte. "Da dachte ich, wir müssen was machen gegen Totalitarismus."

SV-Praxis-Schuldorf-Bild2Die Puzzleteile fügten sich bald aneinander. Annalena Lohaus wusste von der Organisation "EXIT", die ehemals Rechtsextreme für Vorträge an Schulen vermittelt. Die Theater-AG würde ihr drittes Stück über "Juden an der Bergstraße" zeigen können. Die Buchhandlung Lesbar sagte eine Lesung zu, und ein junges SV-Mitglied aus der achten Klasse hatte die Ausstellung "Versteckspiel" schon einmal gesehen.

In Kooperation mit der Buchhandlung Lesbar las am 11. November der Schriftsteller Holger Kulick aus seinem "Buch gegen Nazis" im Foyer der Internationalen Schule im Schuldorf Bergstraße.

Als die Ausstellung dann im Schuldorf eröffnet wurde, nannte Manfred Forell Zahlen. Er zitierte aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die im Oktober 2010 veröffentlicht wurde. 58,4% der im April 2010 Befragten stimmten der Aussage "Für Muslime in Deutschland sollte die Religionsausübung erheblich eingeschränkt werden" zu. Über 10% der Befragten wollten einen starken "Führer", der "Deutschland mit harter Hand regiert". Knapp 30% der Menschen unterstützten die Vorstellung, dass es "unwertes Leben" gibt. "Die Fremden- und Islamfeindlichkeit muss bewusst gemacht werden", sagt Manfred Forell.
"Demokraten müssen dagegen zusammenstehen. Gewaltlos. Und ganz wichtig: Es geht gegen eine Gesinnung, eine Ideologie, nicht gegen Menschen. Sollten Jugendliche in den Schulklassen so denken, dann muss man sie als Menschen trotzdem anerkennen."

Die SV hat das aufgenommen. "Wir wollen zeigen, dass man sich ändern kann", sagt Sven-David Pfau. "Deshalb haben wir Gabriel Landgraf, einen Aussteiger, eingeladen."

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Die Aula füllt sich, weitere Stuhlreihen werden aufgebaut. Der Bürgermeister von Seeheim-Jugenheim Olaf Kühn gibt den Jugendlichen die Ehre. "Sie glauben nicht", sagt er, "wieviel an Drohung, an Schmähung bei mir eingegangen ist, nachdem wir Bürgermeister 2009 die Resolution unterschrieben hatten."

"Ja, mit Einschüchterung und Bedrohung arbeitet die Szene", antwortet Gabriel Landgraf. "Zuerst habe ich es mitgemacht, sogar selbst angeleitet, und dann habe ich es am eigenen Leib erfahren." 2006, als er 27 war, ist Gabriel Landgraf ausgestiegen und wird seitdem vom Hass seiner ehemaligen Freunde verfolgt. Aber er hat durch "EXIT", Teil einer Initiative des "stern", eine neue Umgebung gefunden. Dort ist er angestellt. Seine Lebensgeschichte zu erzählen, ist jetzt sein Beruf. Er will aufklären, deutlich machen, wie Neo-Nazis planen und wie sie strategisch vorgehen.

Sie besetzen Nischen. Seine "Kameradschaft", die Berliner Alternative Süd-Ost (BASO) ersetzte fehlende Jugendarbeit in einem Ost-Berliner Bezirk. Sie bot Treffs für Austausch und Gespräch, Musikveranstaltungen, einen Keller als Jugendzentrum. Sie organisierte Grillabende, Fußballfahrten und Demonstrationen. Sie machte Schulungen, wie man sich der Polizei gegenüber verhält und was man zu Lehrern und Sozialpädagogen sagt und was besser nicht. Sie leitete Referate an und bot die Informationen zu Rudolf Hess oder Horst Wessel gleich mit an. Und die Jugendlichen kamen. 60, 70 füllten einen Kneipenraum.

"Ich konnte sie leider nicht mitnehmen, als ich ging", sagt der schmale junge Mann. Er trägt schwarze knopfförmige Ohrringe zu sehr kurz geschnittenen Haaren. Er schluckt. In seinen Augen spiegelt sich die Scham. "Ich beobachte meine alten Kreise noch, und ich sehe die aktiv, die ich rekrutiert habe."

"Davor, als du noch ein Kind warst, hat deine Lehrerin nicht reagiert, wenn du im Klassenraum provoziert hast", fragt Sven-David Pfau, "was meinst du jetzt? Was soll die Schule tun?"

"Ich habe mich durch meine Kleidung und durch Reden positioniert", antwortet Gabriel Landgraf. "Meine Lehrerin hat mich übersehen und überhört. Mein Großvater, der ein Nazi war und immer geblieben ist, hat mich auf- und hineingezogen. Meine Lehrerin hat nicht einmal reagiert, als er ihr einen Brief schrieb. Ich finde, die Schule sollte ihre Jugendlichen vor einem Neo-Nazi schützen, aber sie sollte ihn nicht ausgrenzen."

"Das klingt nach einer großen Herausforderung", antwortet Sven-David Pfau. Die SV des Schuldorfs Bergstraße ist bereit, sie anzunehmen. Sie will Mitglied werden im Schülernetzwerk "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage". Dazu müssen mindestens 70 Prozent aller Menschen, die in einer Schule lernen und arbeiten, eine Selbstverpflichtungserklärung unterschreiben. "Das sind bei uns 1700 Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte, die sich einzeln mit ihrer Unterschrift zu aktivem Einschreiten gegen jede Form von Diskriminierung verpflichten müssen", sagt Sven-David Pfau. "Das ist noch einmal eine ganz andere Nummer."

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Autorin: Birgitta M. Schule
Fotos: Schülervertretung des Schuldorfs Bergstraße
Datum: 10.12.2010 
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