Eine Allianz für die Ganztagsschule

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Fachtagung „Gemeinsam Ganztagsschule gestalten“ in Kassel

Ein Bericht von Birgitta M. Schulte

„Wenn es eine ‚Ganztagsschul-Community’ gäbe“, sagt Cornelia Lehr aus dem Referat für ganztägige Angebote im Hessischen Kultusministerium, „eine Gemeinschaft, die den Gedanken trägt und weiterentwickelt - auf Bundesebene, auf Landesebene, in den Kommunen und an jeder einzelnen Schule, dann wären wir dem Ziel ein großes Stück nähergekommen!“ Einen ersten Schritt dahin haben die Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ Hessen, der Landesverband Hessen des Ganztagsschulverbands e.V. und die Universität Kassel getan. Gemeinsam haben sie eine landesweite Fachtagung organisiert, die genau diesen Titel trug: „Gemeinsam Ganztagsschule gestalten“.

Die Universität Kassel bereitet schon jetzt zukünftige Lehrkräfte darauf vor, wie Professor Axel Burow berichtete. „Bildungseinrichtungen gestalten“ ist ein Thema der Kasseler Lehrerausbildung, in der auch das Handwerkszeug dazu vermittelt wird, z.B. die „prozessorientierte Zukunftsmoderation“.
Zur Fachtagung steuerte die Universität vor allem die Räume bei.

Bild Landesfachtagung 2In gewohnter Umgebung konnte daher Martin Korte, Professor für zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig, zeigen, dass sich auch in überfüllten Hörsälen mit steil ansteigenden Bankreihen zum Lernen animieren lässt. Er zündete mit Witz und Tempo ein Feuerwerk an Hirnforschungsergebnissen in Film und Bild, mit Fragen und Aufgaben an die Hörerschaft. Die rechnete und zählte und ließ sich gern verblüffen. „Aber“, warnte der Professor, „im Anschluss muss gelüftet werden. Weiterlernen geht nur, wenn ausreichend Sauerstoff zur Verfügung steht.“ Das Gehirn braucht zwanzig Prozent des körpereigenen Sauerstoffs. Der lagert sich ein, wenn sich der Mensch bewegt.

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„Bewegung!“ war daher das nächste Stichwort, das der Professor den Lehrkräften, Schülerinnen, Eltern, Sozialpädagogen, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der Bildungsverwaltung und aus Verbänden zurief. Durchblutung des Gehirns erhöht die Konzentrationsfähigkeit. Zudem stelle sich Konzentration erst als Folge einer Tätigkeit ein. Unabdingbar dafür: „Flüssigkeit!“ In der Schule muss viel getrunken werden, dann entsteht auch, was für die Aufnahme von Wissen ebenso notwendig ist: „Energie!“

Martin Korte prägte den Begriff „soziale Gehirne“. Damit junge Menschen im Sinne einer Gemeinschaft denken und handeln lernen, braucht es aus Sicht des Neurowissenschaftlers Motivation, will heißen, die Freude, die die notwendigen Botenstoffe im Gehirn ausschüttet, zudem eine positive Lernatmosphäre, also die geeigneten Räume, und nicht zuletzt Vorbilder. Kein anderes Säugetier lerne so weitgehend durch Nachahmung wie der Mensch.

Kristina Bartak, Schulleiterin der Grundschule Gießen-West, der einzigen Ganztags-Grundschule in Mittelhessen mit einem Unterrichtsangebot bis 16.00 Uhr, griff im „Expertentalk“ die Stichworte auf. Eine positive Lernatmosphäre ist da, wo es Freiraum für Beziehungen gibt, wo Bindungen ernst genommen werden. Deshalb finden die Kinder in Gießen-West vormittags wie nachmittags dieselbe pädagogische Begleitung. Es sind dieselben Ansprechpartnerinnen, denn Wissen wird in vier Unterrichtsblöcken vermittelt, nach Phasen der Entspannung kann Anstrengung wieder folgen. Und in der Zeit dazwischen wird gemeinsam gegessen.

„Schüler sind nicht so gemacht, dass sie 45 Minuten still sitzen und zuhören“, bestätigte als Schülerin Ann-Kristin Knoth ... „Mehr Vormittag am Nachmittag und sich ernähren mit den Keksen vom Kiosk nebenan – das ist nicht die Ganztagsschule, in die ich gehen möchte.“ So muss sie aber nicht aussehen, haben Melonka Föth aus der sechsten und Katharina Köhler aus der neunten Klasse der Theodor-Heuss-Schule in Baunatal festgestellt. Die kooperative Gesamtschule ist noch auf dem Weg zum gebundenen Ganztag und versucht gerade die Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrkräften und Schulleitung zu erfassen. Die Schülerinnen haben sich daher auf den Weg gemacht und andere Schulen angeschaut. „In Offenbach zum Beispiel waren die Kinder glücklich“, berichtete Katharina erstaunt, „die hatten einen Ruheraum, wo sie herunterkommen konnten vom Unterrichtsstress, die haben selbst gekocht und hatten viele Angebote am Nachmittag.“

Das Stichwort „Vorbilder“ griff die Leiterin der Abteilung Sozialarbeit in Schule (SiS) des Landkreises Kassel Anke Kordelle auf, die für die am Ganztag beteiligten Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen und die kommunale Jugendhilfe sprach. „Wir müssen uns bewusst sein, das wir für mehr Verhaltensweisen Vorbilder sind als dafür, wie man rechnet.“

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Stephan Schulz-Algie von der Sportjugend Hessen e.V., der im „Expertentalk“ die Sportvereine vertrat, sah auch die Übungsleiterinnen und Trainer in der Verantwortung, sich als Vorbild präsentieren zu müssen. Der organisierte Sport habe sich daher auf den Weg gemacht, im Spannungsfeld zwischen Profession und Ehrenamt neue Formen der Ausbildung zu finden. „Sport im Ganztag“ wird zu einer dritten Säule neben Schul- und Vereinssport.

Und Anke Kordelle ergänzte: „Auch die Fachkräfte anderer außerschulischer Bildungsträger brauchen Qualifizierung. Eigentlich ist Teambuilding von allen gemeinsam nötig. Wir brauchen ein gemeinsames Verständnis von formaler und informeller Bildung.“ Für den Vorsitzenden des Ganztagsschulverbandes Guido Seelmann-Eggebert gehörten auch die Betriebe dazu. Kooperation heißt für ihn Einbettung in die Firmenlandschaft. Es gelte gemeinsam Projekte zu entwickeln.

Wie aber ist das zu erreichen? „Entscheidend ist, dass man immer wieder miteinander spricht“, meinte Stephan Schulz-Algie. Die Schule muss benennen, was sie erwartet. Es muss aber eine Kommunikation auf Augenhöhe sein.“ Die forderte auch die Vorsitzende des Landeselternbeirats Kerstin Geis ein. Eltern erlebten oft Kommunikation von oben – den pädagogischen Experten – nach unten – den angeblich pädagogischen Laien. Die Mutter Kerstin Geis aber möchte wissen, wer ihr Erziehungspartner ist.

„Und die Schulleitung muss wissen, wer am Nachmittag aufs Gelände kommt. Wir laden alle, auch Handwerker und Psychologinnen, in die Konferenzen ein“, ergänzte die Schulleiterin Kristina Bartak. „Wenn wir gelernt haben, miteinander zu reden, dann können wir beginnen miteinander zu denken. Am Ende muss eine verbindliche Gesamtkonzeption stehen.“

Für die Klassenelternvertreterin Andrea Jung der Gesamtschule am Rosenberg in Hofheim, einer der ältesten Ganztagseinrichtungen in Hessen, ist genau das der Grund, warum sie sich engagiert. „Man kann mitreden“, sagt sie. „Man hat Einblick.“ Die klassische Elternbeteiligung ist aber nicht genug, wenn eine „verbindliche Gesamtkonzeption“ erreicht werden soll.

„Wir versuchen daher von der Basis her zu gestalten und die Bedürfnisse von Eltern und Schülern erst einmal zu erfragen“, sagt Edzart Sinning von der Theodor-Heuss-Schule in Baunatal. Er vertritt eine Schulentwicklungsgruppe, in der u.a. die Schülerinnen Malenka Föth und Katharina Köhler und zwei Lehrkräfte von der benachbarten Erich-Kästner-Gesamtschule mitarbeiten. Angestoßen wurde die Gruppe durch das „Bildungsforum Baunatal“ beim Jugendbildungswerk Baunatal. In der „kommunalen Bildungsplanung“ kooperieren alle an Bildungs- und Erziehungsprozessen beteiligten Instanzen miteinander. Die Stadt, die selbst nicht Schul- und Jugendhilfeträger ist, fordert auf „sich der gemeinsamen Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen zu stellen und die jeweiligen Stärken in einen gemeinsamen Prozess einzubringen.“ Letztlich war es Bürgermeister Manfred Schaub, der die gemeinsame Befragung von Eltern und Schülerschaft beider Schulen vorgeschlagen hat.

In Baunatal wurden in den vergangenen Jahren schon einige Schritte zur lokalen und kommunalen Verantwortung von Bildung gegangen. Die verstreute Gemeinde in der Nähe von Kassel könnte ein Beispiel sein für die „Ganztags-Community“, die es braucht. Und Stephanie Welke von der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ in Kassel präzisiert: „Eine Verantwortungsgemeinschaft wäre das.“

Autorin: Birgitta M. Schule
Fotos: Sacha Mohr
Datum: 13.10.2011
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